
Kaufberatung
Warum die Reichweitenanzeige beim gebrauchten E-Auto täuscht
Die Restreichweite im Display sagt wenig über die Gesundheit des Akkus. Warum sie nur eine Momentaufnahme ist und was stattdessen zählt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Reichweitenanzeige ist eine Schätzung auf Basis der letzten Fahrten, keine Messung des Akku-Zustands.
- Im Winter steigt der Verbrauch deutlich. Im ADAC-Test brauchte ein Kompaktwagen bei 0 °C gut 30 % mehr Energie als bei 20 °C.[1]
- Für den Gesundheitszustand des Akkus zählt der SoH, gemessen von einem unabhängigen Prüfanbieter.
Inhalt dieses Artikels
Eine Momentaufnahme, keine Diagnose
Stellen Sie sich vor, ein Patient rennt drei Stockwerke hinauf. Oben messen wir seinen Blutdruck, und das Gerät zeigt einen hohen Wert. Ein Laie könnte Schlimmes vermuten. Als Arzt weiß ich: Das ist keine Erkrankung, sondern eine Momentaufnahme direkt nach der Belastung.
Denselben Fehler machen viele Käufer gebrauchter Elektroautos. Sie setzen sich bei der Probefahrt ins Auto, sehen die Restreichweite und glauben zu wissen, wie gesund die Batterie ist. Doch die Anzeige verhält sich wie das Blutdruckgerät nach dem Treppenlauf.
Wie die Reichweitenanzeige rechnet
Der Bordcomputer schätzt die Reichweite aus dem Füllstand und dem Verbrauch der letzten Kilometer. Wurde das Auto zuletzt sanft durch die Stadt gerollt, verspricht er viel. Kam es gerade von der Autobahn oder lief im Winter die Heizung, zeigt er wenig. Über die Kapazität des Akkus sagt beides kaum etwas aus.
- Kälte: Heizung und kalter Akku erhöhen den Verbrauch, die Prognose sinkt.
- Fahrweise: Autobahn und zügiges Beschleunigen senken die Prognose.
- Vorbesitzer: Die Anzeige rechnet mit dessen letzten Fahrten, nicht mit Ihren.
Wie stark der Winter die Anzeige drückt
Der ADAC hat E-Autos auf einer 100-Kilometer-Runde bei 0 °C und bei 20 °C verglichen. Der VW ID.3 brauchte im Winter gut 30 % mehr Energie, Renault Zoe und Peugeot e-208 jeweils 21 %. Auf Kurzstrecken bei -7 °C stieg der Verbrauch in Messungen von Green NCAP im Schnitt sogar um etwa 70 %, weil Innenraum und Akku erst aufgeheizt werden müssen.[1]
| Fahrzeug | Testbedingung | Mehrverbrauch |
|---|---|---|
| VW ID.3 | 100 km, 0 °C statt 20 °C | gut 30 % |
| Renault Zoe | 100 km, 0 °C statt 20 °C | 21 % |
| Peugeot e-208 | 100 km, 0 °C statt 20 °C | 21 % |
| Durchschnitt der Testfahrzeuge | Kurzstrecke, -7 °C statt 23 °C (Green NCAP) | etwa 70 % |
Wer also im Januar eine Probefahrt macht und eine niedrige Reichweite sieht, sieht vor allem den Winter. Ein gesunder Akku kann trotzdem dahinterstecken. Umgekehrt kann eine hohe Sommer-Prognose einen gealterten Akku überdecken.
Was stattdessen zählt
Reichweite im Display
- Wie Blutdruck nach dem Treppensteigen
- Abhängig von Wetter und Fahrweise
- Für den Akku-Zustand wenig aussagekräftig
Unabhängiges Akku-Zertifikat
- Wie eine Untersuchung in Ruhe
- Zeigt den SoH am Prüftag
- Mit Prüfanbieter und Datum dokumentiert
Auf elektroautosgebraucht.de ist das Zertifikat Pflicht. Wir prüfen es vor der Freischaltung und listen ein Fahrzeug erst, wenn es einen SoH von mindestens 80 % bestätigt. Nutzen Sie die Probefahrt für Fahrgefühl, Geräusche und einen Ladetest, aber nicht als Akku-Diagnose.
Häufige Fragen
Warum zeigt mein E-Auto im Winter weniger Reichweite an?
Heizung und kalter Akku erhöhen den Verbrauch, und die Anzeige rechnet mit dem aktuellen Verbrauch. Im ADAC-Test lag der Mehrverbrauch bei 0 °C je nach Modell zwischen 21 % und gut 30 %.[1]
Kann ich bei der Probefahrt den Akku-Zustand erkennen?
Kaum. Die Reichweitenanzeige ist eine Schätzung. Verlässlich ist der SoH aus einem Zertifikat eines unabhängigen Prüfanbieters.
Was sollte ich bei der Probefahrt stattdessen prüfen?
Fahrgefühl, Geräusche, Bremsen und ob das Auto an einer Ladesäule normal lädt. Den Akku-Zustand liefert das Zertifikat.
Quellen
- [1]ADAC: Elektroauto im Winter: So sinken die Reichweiten bei Eis und Schnee, Stand 20.11.2024


